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Was bedeutet die initial recognition exemption für die Bilanzierung latenter Steuern?

Der nachfolgende Beitrag thematisiert eine Spezialfrage des Ansatzes latenter Steuern in der IFRS-Bilanz.

Als initial recognition exemption (auch initial difference exemption) wird der Ausnahmefall bezeichnet, dass eine latente Steuerschuld (IAS 12.12) bzw. ein latenter Steueranspruch (IAS 12.24) nicht angesetzt werden darf, wenn dieser aus dem erstmaligen Ansatz eines Vermögenswerts oder einer Schuld resultiert und

  1. der zugrunde liegende Geschäftsvorfall kein Unternehmenszusammenschluss ist und
  2. zum Zeitpunkt des Geschäftsvorfalls weder das bilanzielle Ergebnis vor Steuern noch das zu versteuernde Ergebnis beeinflusst wird.

Gemäß IAS 12.22(c) sind durch einen solchen Geschäftsvorfall entstandene latente Steuerschulden bzw. latente Steueransprüche auch bei der Folgebewertung nicht anzusetzen.

Mit dieser Regelung wird vermieden, dass zum Zeitpunkt des Ansatzes des Vermögenswerts bzw. der Schuld der anzusetzende Wert des Vermögenswerts um den Betrag der latenten Steuerschuld bzw. der anzusetzende Wert der Verbindlichkeit um den Betrag des latenten Steueranspruchs zu erhöhen ist. Dazu folgendes Beispiel:

Ein Unternehmen erwirbt zum Preis von 1.000 GE (= Geldeinheiten) einen Vermögenswert. Werden die Abschreibungen dieses Vermögenswerts steuerlich nicht anerkannt, so ergibt sich bei einem angenommenen Ertragsteuersatz von 30%  eine latente Steuerschuld i.H.v. 300 GE. Aufgrund der Ergebnisneutralität des Erwerbsvorgangs hätte der Ansatz dieser Schuld eine Erhöhung der Anschaffungskosten des erworbenen Vermögenswerts um denselben Betrag zur Folge.

Die initial recognition exemption kommt in folgenden Fällen zur Anwendung:

  1. Während Leasingverhältnisse gemäß IFRS 16 zum Ansatz eines Nutzungsrechts und einer Leasingverbindlichkeit führen, werden in der Steuerbilanz i.d.R. die laufenden Leasingraten als Betriebsausgaben erfasst. Aufgrund der initial recognition exemption wird weder eine latente Steuerschuld auf das Nutzungsrecht noch ein latenter Steueranspruch auf die Leasingverbindlichkeit angesetzt.
  2. Werden gemäß IAS 20 Zuwendungen der öffentlichen Hand passivisch abgegrenzt, in der Steuerbilanz hingegen die Anschaffungskosten des bezuschussten Wirtschaftsguts gemindert, so wird weder eine latente Steuerschuld auf die in der Handelsbilanz erhöhten Anschaffungskosten noch ein latenter Steueranspruch auf die passivisch abgegrenzte Zuwendung der öffentlichen Hand angesetzt.
  3. Wird mit einer Beteiligung an einem Tochterunternehmen eine Gruppe von Vermögenswerten und Schulden erworben, die keinen Geschäftsbetrieb i.S.v. IFRS 3 darstellt, so sind gemäß IFRS 3.2(b) die einzelnen erworbenen identifizierbaren Vermögenswerte und Schulden anzusetzen. Da kein Unternehmenszusammenschluss vorliegt, können keine latenten Steuern aufgrund aufgedeckter stiller Reserven und Lasten angesetzt werden.
  4. Gemäß IAS 16.16 und IAS 16.18 führen die geschätzten Kosten für künftige Rückbauverpflichtungen in Höhe der dafür zu bildenden Rückstellung zu erhöhten Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten einer Sachanlage. Hingegen wird in der Steuerbilanz die dafür zu bildende Rückstellung über den Nutzungszeitraum angesammelt. Es wird weder auf die erhöhten Anschaffungskosten eine latente Steuerschuld noch auf die Rückstellung ein latenter Steueranspruch angesetzt.